Das Ende der Hierarchie in der Arbeitswelt?

(01.05.2016)

Können Mitbestimmung oder Selbstorganisation in der Marktwirtschaft bestehen?

Das fragten sich wohl die Veranstalterinnen, die Kath. Sozialakademie, sowie Kath. ArbeiterInnenbewegung und Kath. Bildungswerk St. Pölten, als sie zu dieser Dialogkonferenz am 29.04.2016 nach St. Pölten einluden – und konnten verschiedene Experten aus unterschiedlichen Organisationen gewinnen, über ihre Ideen und Erfahrungen zu berichten.

Teamsteuerung bei TELE Haase

Spannend war der Workshop mit Andreas Ahamer (Sales) und Eva Stöger (Office Management) der Wiener Firma TELE Haase, die ziemlich offen aus der Schule plauderten. Das Familienunternehmen TELE Haase produziert mit ca. 90 Mitarbeiterinnen elektronische Bauteile für Spezialanwendungen und ist damit seit Jahrzehnten erfolgreich. Vor ein paar Jahren stellte Miteigentümer Christoph Haase fest, dass er mangels Sachkompetenz teure Fehlentscheidungen getroffen hatte (eigentlich Wünsche geäußert, die als Anordnungen des Chefs verstanden wurden), und beschloss, die Entscheidungen dorthin zu verlagern, wo die jeweilige Kompetenz liegt.

So wurden Kern- und Supportprozesse aufgeschrieben, Prozessverantwortliche gewählt, Personalverantwortliche nach dem Vieraugenprinzip ebenfalls aus Bewerberinnen ausgesucht und sogar die Geschäftsführung zum Supportprozess Regie umgewandelt. Zwei Gremien verbinden alle Teams und führen die Geschäftsplanung und -verfolgung und die (Weiter)Entwicklung der Organisation durch. Natürlich verlief nicht alles reibungslos, 20 – 30% der Mitarbeiter, darunter auch der Geschäftsführer und ein Prokurist, konnten den Weg nicht mitgehen und verließen freiwillig das Unternehmen. Auch mussten manche Irrwege beschritten und manche Skeptiker erst überzeugt werden.

Dennoch – der Prozess ist zwar noch nicht abgeschlossen, aber die neue Organisation ist im Echtbetrieb. Das vergangene Geschäftsjahr war erfolgreich und es gelang sogar ein besonders auffälliger Coup: die Entwicklungsabteilung grub eine Idee wieder aus, ein Produkt wurde serienreif gemacht, produziert und wird über Vertriebspartner sogar nach China verkauft – made in Austria! Ein zukunftsfähiges Unternehmen.

Holacracy

Am Nachmittag lernte ich eine Methode kennen um Organisationen aus eigenem heraus so zu weiterzuentwickeln, dass sie ihren eigentlichen Daseinszweck gut in die Welt bringen können. Diese Ausrichtung am Daseinszweck, Transparenz in allen Aspekten, besonders auch der Rollen und Verantwortlichkeiten, der Strategie, der Gehälter, die Offenlegung und Bearbeitung von Spannungen und eine dynamische Steuerung in kleinen Schritten sind die vier Grundprinzipien.

Zur Steuerung und Entwicklung gibt es genau definierte Meetingstrukturen mit klarer Aufgabentrennung und aufgabenbezogene Kreise mit gewählten bzw. delegierten Vertretern zu deren Vernetzung. Die Theorie kann man in einer Verfassung nachlesen, für ein klares Verständnis sollte man dies aber üben und praktizieren.

Das größte Unternehmen, das nach Holacracy organisiert wurde, soll 1500 Mitarbeiterinnen umfassen.

Erkenntnisse

Die beiden Workshops und eine Abschlussrunde brachten dann ein paar Erkenntnisse:

  • es gibt herzeigbare Erfolgsmodelle
  • es gibt unterschiedliche Zugänge und Methoden, die zum Weiterdenken anregen
  • Experimente sind notwendig
  • Demokratiebewusstsein ist auch hinter dem Firmentor nützlich und notwendig

Links:

Veranstaltungsseite der ksoe: Dialogkonferenz: Das Ende der Hierarchie in der Arbeitswelt?
TELE Haase: Wir Unternehmer­Innen.
Über Holacracy: Zentrum für integrale Führung