Glaube in der Wissenschaft

(30.01.2014)

Wer Wissen schafft, braucht nicht zu glauben

Diesen Satz habe ich zwar noch nirgends gelesen oder zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Aber so ähnlich denken viele – vor allem – Wissenschafter und behaupten, dass es in der Wissenschaft ausschließlich um Fakten geht, alles hieb- und stichfest ist, logisch und sauber argumentierbar. Vielleicht abgesehen von der vordersten Wissensfront, wo noch heftig geforscht wird und verschiedene Denkschulen mangels ausreichender Daten wegen unterschiedlicher Interpretationen im Hypothesenstreit liegen.

Es gibt aber auch die These, dass es auch Glaubensströmungen in der Wissenschaft gibt. Als Beispiel wird gerne die Volkswirtschaft genannt, etwa die Diskussion, ob angebotsseitige oder nachfrageseitige Impulse einer Volkswirtschaft besser tun. Und je nachdem, was man glaubt oder was einem besser gefällt, gibt man Aussagen weiter oder “vergisst” sie.

Mir ist Ähnliches besonders an zwei Stellen im Umfeld meines Master Thesis-Themas über den Innovationsprozess aufgefallen.

Stage-Gate-Prozess der 2. Gen.

Stage-Gate-Prozess der 2. Gen. (Quelle: ISN/Donau-Universität Krems, Folien zum Lehrgang Innovationsmanagement. Inhaltlich identisch mit Cooper 2010, S.146)

Spiralentwicklung im Stage-Gate-Prozess

Spiralentwicklung im Stage-Gate-Prozess
(Quelle: Cooper und Edgett 2008, S.10)

Coopers Stage-Gate®-Prozess

Wie ich schon früher erwähnt habe, wurde mir der Innovationsprozess (ausschließlich) als linearer Stage-Gate®-Prozess nach Cooper nahegebracht. Da dies in zwei von einander völlig unabhängigen Ausbildungsschienen durch völlig unabhängige Vortragende erfolgte, hielt ich das bei aller Skepsis für den Stand der Entwicklung. Erst die nähere Befassung mit dem Thema zeigte mir, dass mir ein völlig falsches Bild vermittelt wurde. Besonders spannend finde ich, dass Cooper selbst äußerst kritische Artikel über die Verwendung “seines” Prozesses schreibt, dass er selbst Flexibiliät und Agilität fordert.

Die Grafiken zeigen den Gegensatz: beide Bilder – oder ihre Vorlagen – stammen von Cooper, aber nur das linke wird gelehrt und in die Breite getragen. Ein einfaches Schaubild wird verbreitet, der Rest nicht oder jedenfalls nicht im “Mainstream”.

Ist das faktenorientierte Wissenschaft bzw. wissenschaftliche Lehre?

Das Dreiphasenmodell von Thom

Thoms Dreiphasenmodell des Innovationsprozesses

Thoms Dreiphasenmodell des Innovationsprozesses
(Quelle: Verworn und Herstatt 2000)

Norbert Thom hat in der 90-er Jahren ein sehr anschauliches Modell des Innovationsprozesses entworfen, das den Schwerpunkt auf die Ideen legt. Dieses sog. Dreiphasenmodell wird gerne und häufig zitiert, nebenstehende Grafik stammt aus einer Zusammenschau von Innovationsprozessmodellen.

Diese häufigen Zitate vermittelten mir den Eindruck: “Das Dreiphasenmodell ist Thom und Thom ist das Dreiphasenmodell.” Wegen der offensichlichen Bedeutung machte ich mich auf die Suche nach dem Originaldokument und wurde (dank der freundlichen Unterstützung durch meinen Betreuer Benedikt Lutz) in einer kleinen Bibliothek hinter dem Wiener Gasometer (Gemeindebund) fündig: eine ganze Zeitschrift war dem Thema Innovation gewidmet und von Thom verfasst.

In dieser Schrift fanden sich hochinteressante Aussagen, die aber in all den Zitaten keinen Niederschlag gefunden hatten. Ich las von Komplexität und Konflikten in der Innovation, von parallelen Aktivitäten und von Rückkoppelungsschleifen und von den (zu) einfachen Menschenbildern der Managementtheorie, die zu einfachen Prozessdarstellungen führten. Der Dynamik der „empirischen Wirklichkeit“ sei nur mit Anpassungsfähigkeit beizukommen, in Prozessen bedinge das Lernschleifen und Regelkreise.

Warum fehlt das alles in den Wiedergaben? Ist es zu kompliziert? Passt es nicht ins Konzept des einfachen linearen Ablaufs? Glaubt man es nicht?

Schon interessant die Frage, was den Filter steuert, der weitergibt oder ausscheidet, odr?
Mit Fakten hat das aber wohl nichts zu tun.

Mich würde Ihre / eure Meinung interessieren – treten wir doch in Diskussion!